Bei mehreren Coldcard-Modellen ist eine ernsthafte Schwachstelle bei der Erstellung neuer Bitcoin-Wallets bekannt geworden. Betroffen ist nicht die spätere Nutzung der Wallet, sondern ein besonders sensibler Moment: die Erzeugung der Seedphrase.
Nach aktuellem Kenntnisstand wurde bei bestimmten Firmware-Versionen nicht immer die vorgesehene sichere Hardware-Zufallsquelle genutzt. Dadurch konnten Seeds entstehen, deren Zufallsgrad geringer war als erwartet.
Das ist deshalb kritisch, weil die Sicherheit einer Bitcoin-Wallet direkt davon abhängt, wie unvorhersehbar der Seed ist. Ist die sogenannte Entropie zu niedrig, kann sich der mögliche Zahlenraum stark verkleinern. Ein Angreifer mit ausreichend Rechenleistung und zusätzlichen Informationen könnte dadurch versuchen, betroffene Seeds systematisch zu berechnen.
Im Zusammenhang mit der Schwachstelle wurden bereits zahlreiche Wallets geleert und grosse Bitcoin-Beträge verschoben.
Warum die Entropie so wichtig ist
Eine Seedphrase mit 12 Wörtern basiert normalerweise auf 128 Bit Entropie. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass es eine praktisch unvorstellbar grosse Anzahl möglicher Seeds gibt.
Diese hohe Zufälligkeit macht es normalerweise faktisch unmöglich, eine Seedphrase durch Ausprobieren zu finden.
Bei den betroffenen Coldcard-Versionen war dieser Sicherheitsabstand jedoch teilweise geringer. Die erzeugten Seeds sahen zwar normal aus, basierten aber unter Umständen auf weniger echter Zufälligkeit. Damit konnte sich der Suchraum für einen Angreifer erheblich verkleinern.
Der Seed ist die Grundlage für alle privaten Schlüssel und Bitcoin-Adressen einer Wallet. Ist der Seed unsicher erzeugt worden, bleibt dieses Risiko bestehen, unabhängig davon, auf welchem Gerät er später verwendet wird.
Welche Coldcard-Versionen sind betroffen?
Entscheidend ist nicht das aktuell verwendete Gerät, sondern das Modell und die Firmware-Version, mit der der Seed ursprünglich erstellt wurde.
Nach aktuellem Stand gelten folgende Konstellationen als betroffen:
| Coldcard-Modell | Betroffene Seed-Erzeugung |
|---|---|
| Mk2 und Mk3 | Firmware 4.0.1 bis einschliesslich 4.1.9 |
| Mk4 und Mk5 | Vor Standard-Firmware 5.6.0 |
| Coldcard Q | Vor Standard-Firmware 1.5.0Q |
| Mk4 und Mk5 mit Edge-Firmware | Vor Version 6.6.0X |
| Coldcard Q mit Edge-Firmware | Vor Version 6.6.0QX |
Ein späteres Firmware-Update macht einen bereits erzeugten Seed nicht nachträglich sicher. Die Aktualisierung verhindert lediglich, dass neue Seeds weiterhin mit der fehlerhaften Methode erstellt werden.
Auch das Wiederherstellen des alten Seeds auf einer anderen Hardware-Wallet beseitigt das Risiko nicht. Die Schwachstelle ist im Seed selbst enthalten und wird beim Import auf das neue Gerät mitgenommen.
Was betroffene Nutzer jetzt tun sollten
1. Herkunft des Seeds prüfen
Klären Sie, auf welchem Coldcard-Modell und mit welcher Firmware-Version Ihre aktuelle Seedphrase ursprünglich erzeugt wurde.
Massgeblich ist der Zeitpunkt der Seed-Erstellung, nicht die heute installierte Firmware.
2. Coldcard aktualisieren
Installieren Sie die aktuelle Firmware ausschliesslich über die offizielle Coldcard-Webseite.
Prüfen Sie nach Möglichkeit auch die digitale Signatur oder den Hashwert der Firmware-Datei, bevor Sie das Update auf das Gerät übertragen.
3. Einen komplett neuen Seed erzeugen
Erstellen Sie nach der Aktualisierung eine neue Wallet mit einer vollständig neuen Seedphrase.
Verwenden Sie den bisherigen Seed nicht erneut und stellen Sie ihn auch nicht einfach auf einem anderen Gerät wieder her.
4. Neue Wallet sorgfältig sichern
Notieren und sichern Sie die neue Seedphrase vollständig und fehlerfrei.
Kontrollieren Sie anschliessend eine Empfangsadresse direkt auf dem Display der Hardware-Wallet. Verlassen Sie sich nicht ausschliesslich auf die Anzeige am Computer oder Smartphone.
5. Zuerst einen kleinen Betrag senden
Führen Sie vor der vollständigen Migration eine Testtransaktion mit einem kleinen Bitcoin-Betrag durch.
Prüfen Sie, ob die Zahlung korrekt in der neuen Wallet erscheint und ob Sie weiterhin uneingeschränkten Zugriff haben.
6. Restliches Guthaben übertragen
Erst nach erfolgreicher Testtransaktion sollten die verbleibenden Bitcoin an eine Adresse der neuen Wallet gesendet werden.
Die alte Seed-Sicherung sollte erst dann als nicht mehr relevant betrachtet werden, wenn alle Transaktionen bestätigt sind und der Zugriff auf die neue Wallet mehrfach geprüft wurde.
Zusätzlicher Schutz durch eine Passphrase
Eine BIP-39-Passphrase, häufig auch als „25. Wort“ bezeichnet, kann eine weitere Sicherheitsebene schaffen.
Die Seedphrase wird vom Gerät automatisch erzeugt. Die Passphrase wird dagegen vom Nutzer selbst gewählt. Sie kann aus einem Wort, mehreren Wörtern, einem Satz oder einer längeren Zeichenfolge bestehen.
Zusammen mit derselben Seedphrase erzeugt jede unterschiedliche Passphrase eine eigene Wallet mit eigenen Adressen und privaten Schlüsseln.
Das bedeutet:
-
Seedphrase ohne Passphrase = Wallet A
-
Seedphrase mit Passphrase A = Wallet B
-
Seedphrase mit Passphrase B = Wallet C
Bereits ein geänderter Buchstabe, ein Leerzeichen oder eine andere Gross- und Kleinschreibung führt zu einer anderen Wallet.
Eine starke und einzigartige Passphrase kann den Zugriff deutlich erschweren, weil ein Angreifer sowohl die Seedphrase als auch die exakt richtige Passphrase benötigt.
Sie ist jedoch kein Ersatz für einen sicher erzeugten Seed. Im Coldcard-Fall sollte ein potenziell betroffener Seed trotzdem ersetzt und das Guthaben auf eine neu erstellte Wallet übertragen werden.
Wichtig ist ausserdem: Geht die Passphrase verloren, kann die damit verknüpfte Wallet nicht wiederhergestellt werden. Seedphrase und Passphrase sollten deshalb sicher und getrennt voneinander aufbewahrt werden.
Sonderfall: Eigene Würfelentropie
Wer bei der ursprünglichen Seed-Erstellung mindestens 50 unabhängige, private und korrekt durchgeführte Würfelwürfe eingebracht hat, gilt nach Einschätzung des Herstellers durch diesen konkreten Fehler nicht automatisch als gefährdet.
Voraussetzung ist jedoch, dass die Würfelwürfe tatsächlich zufällig, vollständig und ohne fremde Einsicht erfolgt sind.
Bei Unsicherheit ist der Wechsel auf einen neu erzeugten Seed dennoch die sicherste Vorgehensweise.
Welche Produkte sind nicht betroffen?
Nach Angaben des Herstellers sind Tapsigner, Opendime und Satscard nicht von dieser Schwachstelle betroffen.
Ruhe bewahren und systematisch vorgehen
Die Migration einer Bitcoin-Wallet sollte nicht überstürzt erfolgen. Fehler bei der Adresse, eine unvollständig notierte Seedphrase oder eine verlorene Passphrase können ebenfalls zu einem dauerhaften Verlust der Bitcoin führen.
Prüfen Sie deshalb jeden Schritt direkt am Gerät, verwenden Sie zuerst eine kleine Testtransaktion und übertragen Sie das restliche Guthaben erst nach erfolgreicher Kontrolle.
Stand: 2. August 2026
Die technische Untersuchung des Vorfalls ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Neue Erkenntnisse oder weitere Hinweise des Herstellers können zu einer Aktualisierung der Empfehlungen führen.
Ihr bitConsult Team